Hier stellen wir Ihnen verschiedene Berichte von der Erfahrungen unserer ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor:
Als ich mich entschloss, bei der Hospizgruppe mitzuarbeiten, musste ich mich erst einmal mit den Reaktionen meiner Umwelt auf diese Entscheidung auseinandersetzen. Eine Nachbarin fragte mich z.B.: "Ist diese Arbeit nicht viel zu belastend und schrecklich?" Beantworten konnte ich ihr diese Frage zum damaligen Zeitpunkt noch nicht. Schließlich war ich erst kurz Mitglied der Hospizgruppe und hatte im Rahmen dieser Gruppen noch keine schwerkranken oder sterbenden Menschen begleitet. In dieser Zeit setzte ich mich vielmehr mit meinen eigenen Ängsten und Vorstellungen über Tod und Sterben auseinander. An der Frage meiner Nachbarin berührte mich besonders das Wort "schrecklich". Ließ ich mich mit dieser Arbeit etwa auf etwas Schreckliches ein???
Ganz tief in mir entdeckte ich auch Angst. Wohl hatte ich Verwandte und Freunde durch schwere Krankheit verloren und sie auch ein Stück dieses Weges begleitet, aber ich war noch nie dabei gewesen, wenn jemand seinen letzten Atemzug tat. Ich hatte ein - unklare - Vorstellung davon, dass das wohl auch schrecklich sein könnte.
Als ich das erste Mal gefragt wurde, ob ich eine Begleitung übernehmen wolle, sagte ich zu, aber in den Stunden vorher war mir doch recht bänglich ums Herz. Fragen und Selbstzweifel stiegen in mir hoch: "Warum meinst du eigentlich, dass du das kannst? Was willst ausgerechnet du dieser Frau helfen?"
Diese Anspannung hielt an, bis ich in der Wohnung der Patientin war. Dann überkam mich eine tiefe Ruhe, die mich auch nicht verließ, als ich allein mit ihr war. Es war alles so selbstverständlich, da war keine Angst mehr. Ich saß einfach an ihrem Bett und hielt ihr ein wenig die Hand. Sprechen konnte sie nicht mehr und sie atmete schwer. Manchmal seufzte sie, so wie man seufzt, wenn man schwer arbeitet.
Nach ungefähr einer halben Stunde trat genau das ein, wovor ich mich so sehr gefürchtet hatte, sie tat ihren letzten Atemzug. Zunächst war ich etwas unsicher: atmete sie jetzt etwa so flach, dass ich das nicht mitbekam? Die anfänglichen Zweifel blieben jedoch nicht lange, und mir war klar, sie war tot, sie war in meiner Gegenwart gestorben.
Ich habe das Sterben als etwas völlig natürliches empfunden, daran war überhaupt nichts Schreckliches oder Angst Erzeugendes. Das Schreckliche hatten mir vorher meine eigenen ängste und unklaren Vorstellungen vorgegaukelt.
Auch später habe ich bei einer Begleitung nie das Gefühl gehabt, das sei etwas Schreckliches. Wohl begegne ich körperlichem und seelischem Leid. Ich begegne Menschen in einer Krise, in der sie im Begriff sind, alles und alle zu verlieren und loslassen zu müssen. Das kann schmerzhaft sein, und es ist manchmal auch schwer, es anzugucken. Aber ich durfte auch die Erfahrung machen, dass ich in der Situation die Kraft bekomme, da zu sein - und zu bleiben.
Ob die Arbeit belastend wird, das liegt zum Teil in meiner eigenen Hand. Ich muss schon aufpassen und schauen, ob ich in einer konkreten Situation eine Begleitung übernehmen kann und möchte. Wenn ich während einer Begleitung merke, dass ich an meine Grenzen komme, kann ich mit den anderen darüber sprechen, wir lösen uns ab, tauschen uns aus und erweitern gegebenenfalls das Team. Das ist ja gerade das Schöne, dass wir eine Gruppe sind, in der viele völlig verschiedene Menschen sich gegenseitig ergänzen. Wenn ich auch als Begleiterin meistens allein am Krankenbett sitze, ohne Gruppe könnte ich diese Arbeit nicht leisten.
Unterstützung finden wir aber auch, das soll hier nicht vergessen werden, bei den Ärzten und dem Pflegepersonal, die uns immer geduldig für Fragen zur Verfügung stehen und z.B. mit mancher Tasse starken Kaffees die Nachtwachen sehr erleichtern. Danke!
Frau Diestelhorst, Sie sind seit dem Anfängen der Gruppe vor 5 Jahren dabei. Wie hat das alles angefangen?
Angefangen hat das für mich damit, dass ich an einem Einführungskurs teilgenommen habe, in dem ich mich mit meinen Einstellungen zum Leben und zum Tod auseinandersetzen musste.
Was waren für Sie die wichtigsten Erkenntnisse?
Es ist für mich wichtig zu wissen, dass ich nur Weg-Begleitung sein kann und dass jeder Sterbende seinen letzten Weg allein gehen muss.
Haben Sie in den letzten Jahren viele Begleitungen gemacht?
Ja, manche nur über ein zwei Tage und manche über viele Monate.
Was war in dieser Arbeit besonders wichtig für Sie?
Denke ich an Beleitungen zurück, dann denke ich an gute Gespräche, Traurigkeit, manche Gebete. Ich konnte Wünsche erfüllen, Geborgenheit geben, Hände streicheln, die Nähe spüren, zusammen lachen und zusammen weinen. Und durch die intensive Betreuung der Patienten und Angehrigen kommt auch viel Dankbarkeit zurück. Das empfinde ich als ein Geschenk, woraus ich viel Kraft schöpfe.
Frau Diestelhorst, vielen Dank für das Gespräch.
Seit wann sind Sie Mitglied der Hospizgruppe und warum sind Sie Mitglied geworden?
Ich bin seit 1998 Mitglied der Hospizgruppe, also seit 3 Jahren. Ich habe 20 Jahre in der Diakoniestation gearbeitet und es tat mir leid, dass ich immer zu wenig Zeit für Sterbende hatte. Als ich in den Ruhestand ging, wollte ich mich endlich den Sterbenden widmen und Zeit für sie haben. Das ist der Grund, warum ich mich der Hospizgruppe angeschlossen habe.
Können Sie sich noch an Ihren ersten Einsatz erinnern?
Meinen ersten Einsatz hatte ich hier in Bünde im Krankenhaus. Der Patient, den ich begleiten sollte, starb schon eine halbe Stunde, nachdem ich gekommen war. Das war sehr erschreckend für mich, zumal die Ehefrau des Sterbenden kurz vorher gegangen war.
Ist es nicht sehr anstrengend, wenn Sie Sterbende betreuen?
Nein. Ich empfinde es als positiv, dass ich unter keinem Zeitdruck stehe. In der Diakoniestation war die Zeit für den einzelnen Patienten stark begrenzt. Als ich noch Schwesternschülerin war, fand ich es jedes Mal ganz schrecklich, wenn ein Patient starb. Inzwischen kann ich damit gut umgehen, was mit Sicherheit auch durch die Erfahrungen in meinem Berufsleben kommt.
Welches war Ihr schönstes Erlebnis?
Am schönsten für mich war die Begleitung einer Frau, die ich schon vorher kannte.
Warum?
Die Frau hat sich richtig gefreut, wenn ich kam, weil sie mich eben schon kannte. Sie wurde von ihren Angehörigen versorgt; immer dann, wenn ich kam, hatte die Schwiegertochter ein wenig freie Zeit. Die Begleitung lief über mehrere Wochen und war von der Diakoniestation angeregt worden. Wir konnten sogar über das Sterben sprechen. Der Tod war weder für die Sterbende noch für die Familie etwas Schreckliches.
Haben Sie jetzt, nach so langer Hospiztätigkeit, mehr oder weniger Angst vor dem eigenen Tod?
Eigentlich hatte ich zu keiner Zeit Angst vor dem eigenen Sterben; angesichts des eigenen Lebensalters befasse ich mich jetzt aber mehr mit dem Gedanken als früher. Ich würde mir für mich wünschen, dass ich im Sterben nicht allein bin bzw. jederzeit jemanden rufen kann.
Welche Bedeutung hat die Hospizgruppe für Sie?
Ich empfinde die Gruppentreffen als sehr positiv, weil wir uns gut austauschen können. Es ist ein gutes Miteinander.
Das Interview führte Frau Häseler, ebenfalls Mitglied der Hospizgruppe Bünde, im Oktober 2001.
Mein erster Besuch findet 4 Wochen vor dem Heimgang des Patienten statt. Obwohl seine Sprache durch die Krankheit beeinträchtigt ist, ist ein Austausch von Erinnerungen und ein Gespräch über gesellschaftliche Dinge möglich. Bei weiteren Besuchen, z.T. auch mit der Ehefrau und anderen Angehörigen des Patienten, entsteht ein vertrautes Band und die tragende christliche Botschaft rückt zunehmend in den Mittelpunkt.
Als die nachlassenden Kräfte und der Krankheitsverlauf einen gewohnten Austausch nicht mehr zulassen, signalisiert der jetzt mehr im Abschied lebende Mann seiner Frau, dass er weiterhin das Bedürfnis hat, Gesprächen der Vertrauten an seinem Bett (einschließlich meiner) zuzuhören. Doch drei Tage vor dem Tod des unheilbar Kranken wird mir bewusst, dass dieses Miteinander sich jetzt auf die direkten Angehörigen beschränken sollte.
Nach dem Tod des Mannes besuche ich die Familie noch mehrere Male. In diesen Gesprächen wird deutlich, wie wichtig die befriedigend erlebte Nähe der Frau und des Sohnes beim Heimgang war und wie hilfreich auch diese Trauerbegleitung für die Familie sein kann.
Die fast 100jährige Frau, die ich dieses Mal begleite hat keine lebenden Angehörigen mehr. Meine erste Begegnung mit ihr erfolgt am Vorabend ihres Todes. Sie ist geistig noch klar, so dass ein vertrauensvolles Kennenlernen mit einigen Kindheitserinnerungen möglich ist. Dabei ist ihr die Abschiedssituation völlig bewusst. Einge alte Kirchenlieder kann mein Gegenüber noch aufsagen und sind für uns beide von grosser Bedeutung. Mein Besuch bleibt kurz, da die alte Dame durch mehrere Besuche an diesem Tag ermüdet ist.
Am nächsten Spätabend finde ich meine neue Bekannte in nicht mehr ansprechbarem, aber ruhigen Zustand vor. Aufgrund des so wertvollen Austausches vom Vorabend darf ich davon ausgehen, dass einige Bibelworte und ein vertrauensvolles Gebet sicherlich noch gut verstanden werden. Zwischendurch nehme ich immer wieder ihre Hand, da ich davon ausgehe, dass die Heimgehende diese Verbindung noch spüren kann.
Nach einer längeren Zeit der Stille entschläft die alte Dame ruhig in Frieden. Der Nachklang des erlebten Abschieds hat seinen besonderen Wert.
Für den Betreuten stehen aus meiner Sicht zum Zeitpunkt des Kennenlernens drei Dinge im Vordergrund:
Ich selbst sehe in ihm einen krankheitsbedingt stark abgemagerten, körperlich schwachen Mann mit einem stark nach außen dargestellten Willen zu kämpfen. In den ersten beiden Nächten meiner Begleitung ließ er keine oder nur wenige Handreichungen zu, und bestimmte sehr klar, wann geschwiegen und wann geredet werden sollte.
Ich habe länger gebraucht zu erkennem, dass er sein Verhalten zur Grenzziehung brauchte, und dafür, sich davor zu schützen, seine tiefe Verzweiflung zu spüren. Er konnte es einfach nicht zulassen, Mitleid zu spüren, sich über bestimmte Notwendigkeiten hinaus pflegerisch in meine Hände zu begeben, sich mit anderem als seinem früheren Erleben auseinanderzusetzen.
Später veränderte sich das. Jetzt durfte ich ihm die Hände, die eingeschlafen waren oder seinen schmerzenden Rücken massieren und seine Angst vor dem Schlafen durch das Handauflegen auf die Stirn wegnehmen.
Diesen Prozess miterleben zu dürfen, dafür bin ich dankbar.
Unsere ehrenamtliche Mitarbeiterin Ruth Vahle berichtet über ihre erste Sterbebegleitung außerhalb des famliliären Rahmens:"
Meine erste Begleitung entstand durch einen Pflichtbesuch. Wir kennen das alle: In unserem Bekanntenkreis oder in der Nachbarschaft lebt ein Mensch mit einer unheilbaren Krankheit. Man weiß, es ist ein Besuch fällig und doch schiebt man den Besuch immer wieder auf. Fragen waren da, was spreche ich mit dem Menschen, was soll ich mitnehmen? Ängste stiegen in mir auf.
Ein kurzer Anruf bei der Familie und dann habe ich den Besuch wahrgemacht. Ein paar Blumen aus dem eigenen Garten. Ich hatte mir meine Worte, die ich sagen wollte zurechtgelegt, doch es kam alles ganz anders. Die Kranke freute sich über die Blumen und erzählte mir , dass die Krankheit nun auch schon ihr Augenlicht zerstört hätte. Wir sprachen dann über Garten und Blumen und die Stunde verging wie im Flug.
Beim Abschied kam die Frage, ob ich bald wieder kommen würde. Wir vereinbarten gleich einen Termin, und so entstand eine wöchentliche Regelmäßigkeit. Manchmal gab es auch private Termine, so dass ich dachte, du kannst den Besuch ja verschieben. Aber nein, man kann auch die privaten Termine verschieben. Die Besuche an diesen Tagen waren für mich die schönsten Besuche.
Der Krankheitszustand verschlechterte sich zusehends. Die Familie gab mir zu verstehen, dass meine Besuche eine Entlastung für sie waren. Ich war zu jeder Zeit willkommen. Am letzten Abend gab sie mir beide Hände zum Abschied. Vielleicht haben wir beide das gleiche gedacht: "So nimm denn meine Hände."
Auf dem Heimweg kamen mir viele Gedanken von den Besuchen, und ich muss sagen, ich bin die Beschenkte, mir sind die Augen und Ohren geöffnet worden.
In der folgenden Nacht ist sie ruhig eingeschlafen.
Eine Teilnehmerin schrieb hinterher:
In den Vorbereitungsseminaren wird in kleinen und abwechselungsreichen Etappen über das gegenseitige Kennenlernen, das Formulieren der eigenen Motivation der Teilnahme zu der gedanklichen Annahme des Todes geführt.
Nach und nach entsteht so die Fähigkeit, eine Vorstellung von den Wünschen und Bedürfnisse des eigenen Sterbens zu entwickeln: Durch verschiedene Imaginationsaufgaben wird bewusst, dass das Bedürfnis, sein Leben bis zum Schluss in Würde und Selbstbestimmung zu führen, das stärkste ist, und sich jeder in der letzten Phase seines Lebens Menschen wünscht, die spüren und respektieren, was man will und braucht.
Zugleich wird klarer, dass jeder Mensch spezifische, von anderen unterschiedenen, Bedürfnisse hat. Das heißt, in der Begleitung müssen sowohl die fremden wie die eigenen Bedürfnisse erspürt, erkannt und geachtet werden. Um dies zu lernen, werden in der Vorbereitung Informationen über typische Verlaufsformen der seelischen Entwicklung gegeben. Die Vielfalt des Möglichen breitet sich aus. Berichte erfahrener Hospizhelfer lassen Entferntes näher rücken und fühlbarer werden.
So nimmt die Vorstellung, selbst Menschen in ihrer Krankheit, im Sterben und in ihrer Trauer zu begleiten, Gestalt an. Parallel dazu entstehen neue Fragen und neue Unsicherheiten:
Fragen und Unsicherheiten, die sich nicht endgültig klären lassen, die wiederkehren und auch bei zukünftigen Treffen immer wieder thematisiert werden. So bleibt auch in der Zusagen mitzuarbeiten, die eigene Freiheit erhalten. Sie leitet einen Prozess ein, der Gespräche in Gang setzt, Veränderungen bewirkt, aber auch die Möglichkeit des Rückzugs beinhaltet. Eben genau so, wie es dem Leitgedanken der Hospizgruppe entspricht: Dem Leben Raum geben, dem eigenen wie dem fremden.
Stephanie Ende
Ich hatte nicht gedacht, dass sich so viele Menschen aus meiner Umgebung für die ehrenamtliche Mitarbeit in einer Hospizgruppe interessieren! Um so mehr habe ich mich gefreut, in der Cafeteria des Bünder Krankenhauses beim Vorbereitungskurs 13 Frauen und 2 Männer kennenzulernen.
Ob die aber schon klarere Vorstellungen von dem Aufgabengebiet haben als ich? Das war zum Glück erst einmal gar nicht die Frage. Und ich wurde auch nicht mit Informationen überschüttet, die ich auch später noch nachlesen kann. Nein, wir wurden zunächst dazu angeleitet, unsere persönliche Vorstellung und unsere Erfahrungen von Tod und Abschied zu bedenken. Dazu hatten wir genügend Zeit und konnten in kleinen Gruppen so viel davon mitteilen, wie wir wollten.
Vom Kurs gestaltete Mitte |
Und das scheint auch bedeutsam für die Hospizarbeit zu sein: Jedes Leben, jedes Sterben, jedes Abschiednehmen, jeder Schmerz, jede Anforderung, jeder Wunsch ist individuell. Als mögliche zukünftige Begleiterin kann ich mich vorsichtig dem leidenden und wahrscheinlich bald sterbenden Menschen nähern und Respekt, Einfühlungsvermögen und Herzenswärme sind die kostbaren Gaben, die ich mitbringe. |
Ich habe wahrscheinlich noch viel in diesem Zusammenhang zu lernen und ich werde, wenn ich mich auf diese Arbeit einlasse, kontinuierlich dazulernen. Wie gut, dass das in einer Gruppe von Neuen und auch schon Erfahrenen, von Professionellen und Ehrenamtlichen geschehen kann.
Am Ende des dreitägigen Kurses konnte sicherlich jedeR TeilnehmerIn ganz eigene neue Eindrücke und Erkenntnisse mit nach Hause nehmen. Für alle aber konnte gelten: Der Einführungskurs war ein wichtiger und guter Schritt hin zu einem sinnvollen Betätigungsfeld.
Susanne Kompalik
Auch diesmal fand der Hospiz-Einführungskurs an 3 unterschiedlichen Tagen statt, bestehend aus zwei Nachmittagen und einem ganzen Samstag. Eingeladen dazu hatten die Koordinatoren Hanno Paul, Seelsorger am Lukas-Krankenhaus in Bünde und Schwester Martina und Schwester Gabriele von der Palliativstation.
Unsere Gruppe bestand aus einem Mann und sechs Frauen.
Nachdem wir uns gegenseitig vorgestellt hatten, sprach jeder auch über die
eigene Motivation, sich auf eine mögliche Begleitung von Schwerkranken,
Sterbenden und deren Angehörigen einzulassen. Schnell wurde klar, wie viele
unterschiedliche Gründe es gab und dass dabei auch die eigenen
Lebenserfahrungen eine Rolle spielen. Von
Dankbarkeit, Mitgefühl, Zeit schenken, Hilfe anbieten und Achtung und Respekt wurde gesprochen und dass damit eine gute Voraussetzung für diese Arbeit besteht.
Dazu gehört auch, sich schon mal Gedanken über sein eigenes Lebensende gemacht zu haben. "Wie stelle ich mir meinen Abschied vor oder wie würde ich es mir wünschen?" Auch hier durchaus unterschiedliche Ansichten, und auch neue Fragen oder Unsicherheiten, die aber durch unsere erfahrenen Koordinatoren in vorbildhafter und einfühlsamer Weise aufgefangen und mitgetragen wurden. Ob in der eigenen Kreativität, im Rollenspiel oder im Suchen nach Antworten im Hospizalltag, jeder fühlte sich ernst genommen und es war genug Raum für den Einzelnen.
Was haben mir persönlich diese Tage bedeutet? Trotz des ernsten und manchmal schwierigen Themas hat mir die Arbeit in und mit der Gruppe Freude gemacht, wir haben Mahlzeiten miteinander geteilt und viel Spaß gehabt. Obwohl ich seit einem Jahr schon regelmäßig an den Gruppentreffen der sogenannten "alten Hasen" teilgenommen und von diesen Erfahrungsberichten viel gelernt habe, hatte dieser Kursus durch meine aktive Rolle eine ganz besondere Qualität. Er hat mich bestärkt in meiner Absicht, mich auf Begegnungen mit Menschen einzulassen, ihnen mit Achtung und Respekt entgegenzutreten, Zeit und Hilfe anzubieten, wo es nötig und gewünscht ist. Ich fühle mich damit nicht allein, denn ich weiß, dass ich mich jederzeit auf die Hilfe und Geborgenheit der Gruppe verlassen kann.
Schwester Gabriele gab unserer Gruppe ein gutes Schlusswort mit auf den Weg:
"Die Lebenden schließen den Toten die Augen und die Sterbenden öffnen den Lebenden die Augen". Dem konnten wir alle nur zustimmen und ich wünsche mir, dass ich neugierig bleibe, um im gegenseitigen Miteinander zu lernen und zu verstehen.
Christine Göhner
Was habe ich mit Hospizarbeit zu tun? - Initial wollte ich bloß mal schauen, wie andere mit der letzten Phase des Lebens umgehen. Im April startete ein neuer Einführungskurs der Hospizgruppe Bünde. Eine bunt gemischte Gruppe (2 Männer, 10 Frauen; aus unterschiedlichen Berufsgruppen; manche am Berufsanfang, andere am Berufende, mitten drin oder berentet; die einen allein stehend, andere mit Familie), traf sich in den Räumen des Lukas Krankenhauses im lockeren, gemütlichen Rahmen.
Pastor Hanno Paul, Schwester Gabriele Altenburger, Schwester Martina Waldeyer, die Koordinatoren der Gruppe fragten bei der ersten Sitzung gleich nach der Vorstellungsrunde, welche Motivation und welche Absicht jeder einzelne zu dieser ehrenamtlichen Arbeit hat.
Es begann eine kritische Auseinandersetzung, jeder für sich, aber bald auch innerhalb der Gruppe. Wir merkten schnell, wie komplex das Thema ist, und dass alle Begriffe nur einen Bruchteil der Emotionen wiedergab.
Beim zweiten Treffen machte das Team des Kreises uns klar, dass wir eigene Angst und Lebensprobleme zunächst klären müssen, bevor wir anderen am Lebensende hilfreich Zuwendung geben können. Sie forderten uns auf unsere eigenen Erfahrungen, Berührungspunkte mit dem Tod auf einem Plakat aufzuzeichnen.
Die Vergangenheit bestimmt die Gegenwart. Auch an diesem Tag spürten wir, dass das Thema unter die Haut geht. Seelsorger Hanno Paul animierte uns den Gefühlen Raum zu geben und wir lernten, dass negativ besetzte Empfindungen positiv sein können.
Beim dritten Termin sollten wir uns im Rollenspiel in die Lage eines Hospizlers versetzen. Wir konstruierten ein Fallbeispiel zwischen Sterbenden, Angehörigen und ehrenamtlichen Mitarbeiter. Bei diesem Versuch sollten wir auf die drei notwendigen Faktoren: Respekt, Empathie und Authentizität achten. Die Leiter gaben uns mit Kommunikationsstrukturen Hilfestellungen für die Rolle des Hospizlers. Das Ergebnis dieses Experiments: Tränen und Ohnmachtsgefühl, wir stoßen hier an unsere Grenzen.
Dies ist kein Plädoyer gegen Hospitzarbeit! - Im Gegenteil. Ich denke genau in dieser Intensität liegt der Anspruch der Arbeit. Wir erweitern unseren ganz persönlichen Gesichtskreis, wenn wir uns dieser Aufgabe stellen.
Ich arbeite seit 1989 im Intensivpflegebereich, bin also eine Professionelle. Mein Berufsziel ist klar definiert: Leben erhalten. Mit hochgradigen Aktivismus, spezialisiertem Know-how, jeder Menge Apparatemedizin und Chemie trete ich an meinem Arbeitsplatz dem Lebensende entgegen. Aber der medizinische Fortschritt hat Grenzen. Nicht alles was machbar ist, ist auch sinnvoll. Andererseits darf keine Heilungschance und explodierende Kosten im Gesundheitswesen auch nicht bedeuten, dass es zur gesellschaftlichen Pflicht wird sich selbst zu entsorgen, einen schnellen Tod herbeizusehnen, weil wir Einsamkeit, Isolation, unwürdige Behandlung fürchten.
Als Hospizler stehe ich dem Menschen mit leeren Händen gegenüber. Das kann viel menschlicher und hilfreicher sein. Ich glaube, dass wir eine palliative Kultur brauchen, um in unserer letzten Phase einen Platz in unserer Gesellschaft zu haben. Ich wünsche, dass die Palliativmedizin konsequent eingesetzt wird und die Begleitung, die auf Nöte und Wünsche wirklich eingeht, greift. Jeder ist indirekt oder direkt betroffen, darum sollte jeder seinen Betrag leisten und nicht nur auf Institutionen verweisen. Hospizarbeit gehört zum Leben. Ich stimme Pastor Hanno Paul zu, diese Zuwendung, Hilfe sollte selbstverständlich sein, sowie Nachbarschaftshilfe oder christliche Nächstenliebe.
Der Einführungskurs Hospizarbeit bedeutet für mich, dass ich mich, wo es gewünscht wird, solidarisch erkläre. Ich hoffe es finden sich weitere, insbesondere diejenigen aus unserer Gruppe, die zwischenzeitlich an sich und dem Sinn zweifelten.
P.S. Ich danke Pastor Hanno Paul, Schwester Gabrielle Altenburger und Schwester Martina Waldeyer und bin gespannt auf unsere Zusammenarbeit.
Kathrin Tiemann
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Bünde.
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