"Dem eigenen Sterben begegnen - das Leben begrüßen"

Ein Wochenende in Bad Salzuflen im April

Die Gruppe am Anfang

Bereits als ich 16 Jahre alt war, begegnete mir der Tod auf sehr unsanfte Weise, als mein Bruder starb. Dieses Ereignis und weitere unerwartete Todesfälle in der Familie hinterließen in mir unterdrückte Trauer und Angst. Dem eigenen Sterben begegnen; das wollte ich, um dem Schrecken Tod die Kraft zu nehmen und durch ein bisschen Loslassen mehr in meine Freiheit kommen. Das Seminar kam wie gerufen.

Schon die erste Fantasiereise brachte ein erstaunliches Ergebnis. Ich stürze nicht in den Abgrund, wenn ich sterbe, sondern ich schwebe. Es ist zwar alles stockdunkel, ungewiss, aber immerhin falle ich nicht. Das sah ich in dem Film über mein eigenes Leben und Sterben - eine Visualisierungsübung. Ich malte als Symbol für diese inneren Bilder einen fliegenden Teppich in der Nacht. (Angst vor dem freien Fall oder Angst vor dem Ersticken, so fühlte sich meine Angst vor dem Tod immer an).

In Gespräch in KleingruppenDas Abschiednehmen von drei mir wichtigen Personen war für mich das tiefste Erlebnis an diesem Wochenende. Hier konnte ich die Situation wie real empfinden und der großen Traurigkeit in mir Ausdruck verleihen. Das imaginäre Loslassen der geliebten Personen hat mir die Bedeutung um diese Beziehungen und des Akzeptierens der Dinge, die ich nicht in der Hand habe, gezeigt und auch die Beziehungen selbst ein Stück weit verändert. Jedenfalls scheint mir das, mit ein bisschen zeitlichem Abstand zu dem Seminar so zu sein.

Die folgenden Aufgaben, wie Abschiedsbrief und Testament schreiben waren nach dieser Fantasiereise nicht gut möglich. Es kam Widerstand in mir hoch; ich wollte zum Durchatmen wieder an die Oberfläche dieser Thematik gehen. So habe ich diese Übung nur halbherzig gemacht. Es ist gut ganz auf sein Gefühl zu hören und nur das zu machen, von dem man überzeugt ist, dass es richtig ist.

"Bleibet hier und wachet mit mir". Das Lied war für mich eine Einstimmung auf die letzte Reise. „Könnt ihr nicht eine Stunde mit mir wachen?“ bittet Jesus seine Jünger kurz vor seinem Tod. Der Tod: da muss jeder für sich selbst durch;  da kommt keiner mit uns und alles bleibt für immer zurück. Das wurde mir klar, als wir in einem Ritual unsere Schriftstücke und Symbole für das irdische Leben verbrannten und immer wieder dieses Taizé-Lied sangen. Ich hatte mich von den Strapazen der Abschiede etwas erholt und konnte wieder mehr in die Tiefe gehen.

Schweigend ging es zur Sterbemeditation. Wir wollten den Sterbeprozess durchleben. Für mich ging es darum "den Stier bei den Hörnern zu packen" (so hatte  ein Teilnehmer bezüglich seiner Motivation zu diesem Seminar formuliert). Der Stier war  für mich zweifelsohne die Angst vor dem Tod. Wir legten uns auf den Boden und wurden in die Entspannung gebracht. Für mich ging alles ganz schnell. Ehe ich mich versah, sollte ich schon tot sein. Die letzten Atemzüge und dann hörte ich engelhaften Gesang. Nein, das waren  nicht die sanften Gesänge aus dem Jenseits, sondern Frau Sauerland mit Ihrer schönen Stimme. Ich war nicht gestorben. So schnell konnte ich mich nicht einlassen, ich kam nicht zu der Erfahrung, wie es sich auf dem Sterbebett anfühlen könnte.

In Stille gingen wir in die Nacht. Auch wenn ich nicht gestorben war, hatte ich eine friedliche Ruhe in mir und war mit immer wiederkehrenden Fragen beschäftigt: was war passiert?

Das Leben neu willkommen heißen, hieß es am Morgen des letzten Tages. "Morgenlicht leuchtet, rein wie am Anfang" nach einem Lied von Jürgen Henkys. Begleitet mit diesen Gedanken gingen wir dem Sonnenaufgang entgegen. In Erfahrungsaustauschen, Fantasiereisen ging es nun um die Neuausrichtung. Schöne Elemente, die das Thema rund machten, obwohl ich mich freute, dass es bald nach Hause ging und ich mich erholen konnte.

Die Kombination der einzelnen Elemente  des Seminars wie Fantasiereisen, Meditation, Tanz und Gesang, kreatives Gestalten und Ritualen ist meiner Meinung nach gelungen. Jeder konnte sich so auf ganz eigene Weise dem Thema nähern.

Das Programm ist voll gepackt und auch sehr anstrengend. Das Wort "Workshop" in der Seminarankündigung fand ich zunächst unpassend. Aber ich glaube das Wort in seiner Bedeutung sagt es aus: Es ist wirklich Arbeit, Arbeit an/mit sich selbst.

Da ich denke, dass jeder sich nur so weit einlässt, wie er es gut verkraften kann, ist die Fülle okay. Und wenn es Probleme gibt, stehen die Seminarleiter jederzeit zur Verfügung.

Die Gruppe war recht groß, sodass ich auch immer wieder im Außen orientiert war und aus meinen Gedanken herausgerissen wurde.

Schön fand ich auch den religiösen Bezug, der durch eine Segnung und die gesungenen Lieder zum Ausdruck kam.

Was nehmen wir mit, war eine der letzten Fragen: Ich habe einen getöpferten Engel, den ich zum Sterben brauche; ein gemaltes Symbol für den Aufbruch, einige wichtige Erkenntnisse, Bilder im Kopf und ganz besonders: eine reiche Erfahrung mit nach Hause genommen.

... und bin sehr dankbar dafür.

Was ich bräuchte, um sterben zu können ...In Gesprächen mit Menschen über dieses Seminar hörte ich kritische Stimmen wie "das Sterben kann man nicht üben, so ein Quatsch", "warum soll ich versuchen, etwas jetzt schon loszulassen, was ich noch liebe"? oder aber "warum jetzt in die Gefühle gehen, wenn meine Zeit doch noch nicht gekommen ist"?. Ich merkte, wie mir trotz meiner inneren Überzeugung über den Sinn dieses Seminars, die Worte fehlten. In dem Buch von Abdi Assadi "Schatten auf dem Pfad" gibt es ein Kapitel "Der Tod als Lebensberater". Daraus folgende Zeile: "Unsere Angst und unsere Verleugnung des Todes übersetzen sich in eine Angst davor, unser Leben voll auszuleben. Es ist eine gute Übung diese Tatsache im Bewusstsein zu behalten." Ich glaube, dass die im Seminar erlebten Übungen ein gutes Werkzeug sind, um dieses Bewusstsein zu erlangen. Und ich hoffe, dass wir mit dem Wissen um die Begrenzung des Lebens und  dem Loslassen der Angst vor dem Tod, mehr und mehr zum inneren Frieden finden.

Mariele Menne, Wadersloh im April 2014

 

Tags: